Ein saftiges Stück Wassermelone - verborgene Gefahr für Patienten mit Schluckstörungen 

Artikel vom 05. November 2019, 

© Christoffer Kern 


Hmmmmhhh lecker, dieser Gefühlsausbruch überkommt uns beim schieren Anblick eines saftigen Stücks Wassermelone. Besonders die leuchtend rote Färbung des Fruchtfleisches lässt uns vornehm an warmen Sommertagen ein erfrischendes Gaumengefühl erahnen. 

Nun gut, diese wahrheitsgemäßen Erfahrungen aus unserem Gedächtnis, verbunden mit den positiven Emotionen überlagern nun, wie ein groß ausgebreiteter Schatten, den verhängnisvollen Gefahreneffekt für Patienten mit einer Schluckstörung. 


Zunächst, was umfasst die Thematik Schluckstörung? Hierbei handelt es sich um eine multikomplexe Störung des Schlucksystems, die zum einen die orale Nahrungsaufnahme und/oder die sichere Schluckfähigkeit im Anschluss beschreibt. Diese sogenannte Dysphagie zeigt sich von der Symptomatik her manifestiert und kann unter Umständen eine Schluckphase direkt und/oder im Dominoeffekt mehrere Schluckphasen unmittelbar betreffen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass eine umfangreiche und fachliche Diagnose von einem Schlucktherapeuten hier unerlässlich erscheint.


Widmen wir uns wieder dem Stückchen Wassermelone und worin begründet sich nun diese verborgene Gefahr für Patienten mit Schluckstörungen? 

Die Wassermelone, wie auch zahlreiche weitere Speisen gruppieren sich in die Kategorie der sogenannten Mischkost ein, genauer gesagt, handelt es sich um eine KoViKo und diese Abkürzung beschreibt im Detail, einen neologistischen Fachtermini, der eine Konsistenz - Viskositäts - Kost aus dem Fachgebiet der Dysphagie definiert. 


Die KoViKo ist charakterisiert durch ein gehaltvolles Potential von struktureller Festigkeit wie zugleich auch einem hohen Anteil von Flüssigkeit. Demnach sind hier zwei typisch physikalische Eigenschaften in Form von Festigkeit (Konsistenz) und dazugehöriger Flüssigkeit (Viskosität) in ein und der gleichen Nahrungsspeise wiederzufinden. Und genau dieser Umstand der Betrachtung ist zielführend, weil genau in diesem Gegensatz ein großer Pathomechanismus in der Heilkunde und dem Verständnis von Schluckstörungen schlummert. 


Viele Patienten mit Schluckstörungen weisen Störungen in der Wahrnehmung, Verarbeitung und Motorik von Schluckprozessen auf. Besonders die orale Schluckphase (Mundphase) ist hiervon betroffen. 


Am Beispiel der Wassermelone konfrontieren sich nun zwei Bewegungsprogramme aus dem Schlucksystem miteinander. 

Zum einen suggeriert die vorhandene Konsistenz dem Schlucksystem, dass eine grob - und feinmechanische Zerkleinerung mit einspeicheln der Nahrung ansteht, mit Anschluss einer Feinpositionierung des Speisebreis (Speisebolus) auf der Zungemitte hin. 

Neurosensomotorisch basiert dieses Procedere der Wahrnehmung, Verarbeitung und Motorik auf der Grundlage eines hochkomplexen Bewegungsprogramms, der Ess - Schluck. 


Hingegen tritt beim Trink - Schluck ein völlig anderes Bewegungsprogramm in Kraft. Gewissermaßen kann man festhalten, dass die Art und Weise der oralen Nahrungsaufnahme den Schluckakt moduliert und ein direkt adaptiertes Pendant zur Anatomie und Physiologie des Schlucktraktes im Schlucksystem herstellt. Somit besteht ein wechselseitiger Bezug ausgehend von der Art der oralen Nahrungsaufnahme hin bis zu der damit verbundenen Schluckfähigkeit. Überspitzt könnte man die Hypothese zu Grunde legen, dass der Bolus den Schluck macht! 


Was passiert nun bei der Wassermelone? Durch die mechanischen Druckeinwirkungen im Mundinnenraum (intraorale Kompression) auf das Stückchen Melone hin, werden minimal zeitversetzt unkontrollierte Flüssigkeitsmengen in der Mundhöhle frei. In der Folge bewirkt dies im Mundinnenraum (intraoral) eine Dysbalance mit der Auswirkung einer neurosensomotorischen Überlastung in der oralen Schluckphase. 


Bei einer vorliegenden Schluckstörung kann es nun mitunter passieren, dass zum einen keine ausreichende Kompensations- und Adaptionsfähigkeit vom Gehirn her adäquat abgerufen werden kann. Somit agiert das zu erst eingeleitete Bewegungsmuster im Vorgang des Ess - Schluckes fortan weiter, ungeachtet der nun freigesetzten unkontrollierten Flüssigkeit. 

Während dieser oralen Arbeitsphase wird die Mundhöhle nach vorne durch den Mundschluss hin begrenzt und nach hinten hin, wird durch den Hochstand der Zunge, in Synergie mit Gaumensegel und Gaumenbögen der Weg in den Rachen hinein erfolgreich abgedichtet (linguo - velo - palataler Verschluss). Denn parallel zum oralen Arbeitsprozess hin, vollzieht sich über die Nasen - Rachenpassage noch die primär wichtige Aufrechterhaltung der Atmung. 


Fakt ist, dass es im Tagesgeschehen zu einer Herabsetzung dieser neuromuskulären Tonusspannug im Mund - Rachen - Verschluss kommen kann, auch ohne das eine Schluckstörung zu Grunde liegt. Bei Patienten mit Schluckstörungen rangiert hierfür das Risiko jedoch zunehmend höher. 


Wenn sich also nun beim Essen eines Stücks Wassermelone, unkontrollierte Flüssigkeiten über den fehlenden Mund - Rachen - Verschluss in den Rachentrakt hinein ungehindert fortbewegen können. Dann besteht die Gefahr dahingehend, dass diese pionierhaften Nahrungssekrete in die offenliegende Atmungspassage über den Kehlkopfeingang hinein, bis in die weiten Tiefen des Kehlkopfes, bis über die Stimmlippen hinaus in die Luftröhre „still“ einwandern können. 

In der Folge kommt es zu einem Verschlucken noch vor und/oder während dem eigentlichen Schlucken. Im Ergebnis offenbart sich oftmals eine Aspiration mit hoffentlich erfolgreichem Hustenreflex. 

Somit können diese KoViKo- Speisen ungeachtet der Konsequenzen für Patienten mit Schluckstörungen eine ernstzunehmende Gesundheitsgefahr darstellen. 


Eine gute Prävention und Transparenz zur sicher abgewogenen Nahrungsaufnahme kann hier Abhilfe leisten, dieses Risiko nachhaltig und kontrolliert multidisziplinär zu bewältigen. 

Die Lebensqualität von Patienten mit Schluckstörungen sollte sich im Setting einer sicheren oralen Nahrungsaufnahme begründen und nicht in einer waghalsigen und risikobehafteten Ernährungsform mit Aussicht auf ganzkörperliche Verschlechterung.


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