Orale Kostformadaption

und die Frage des guten Geschmacks  


Im Rahmen einer jeden guten Schlucktherapie, sollte regelmäßig die Thematik der Anpassung von Essen und Trinken besprochen werden. Aber bewirken passierte Kost und angedickte Getränke wirklich ein Geschmacksdefizit während der oralen Nahrungsaufnahme? Und welche Rolle spielt unser Unterbewusstsein bei diesem Prozess?

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Artikel vom 17. November 2020 

© Christoffer Kern

Das Schlagwort „Unterbewusstsein“ wird gerne für die im verborgenen ablaufenden Prozesse unseres Seins verantwortlich gemacht und wird dann laienhaft als unerklärlich abgestempelt. Doch dieses Denken fußt nur auf Sand und wird den empirischen Neuro- und Geisteswissenschaften nicht gerecht.

Denn schon der ehrenwerte Goethe, der zukunftsweisende Freud und der Wegbereiter Damasio schusterten dem Unbewussten und Unterbewusstsein eine inhaltliche und funktionale Rolle zu.

Somit lässt sich hierzu determinieren, dass das Unterbewusstsein ein nennenswertes Bündel aus dem Zusammenschluss von direkten und indirekten Eindrücken und Erfahrungen ist, die unser Bewusstsein im Geschick des Handelns einfärben und gewissermaßen beeinflussen. So unterliegt unsere Entscheidungsfreude, einem ständigen und wechselnden Wägen der Optionen, bevor es dann zum tatsächlichen Wagen kommt.

Die Frage des guten Geschmacks stellt sich also nicht wirklich, denn diese bewussten und unbewussten assoziativen und neuronalen Prozesse, die hierbei in unserem Gehirn und dem viszeralen System ablaufen, spiegeln unser für schön und gut empfundenes Sein wieder. Daher ist es auch nicht zu verwunderlich, dass wir auch stets darauf abzielen, dieses Geschmacksprogramm in unserem Alltag wiederzufinden.

Also, wenn wir das uns bekannte Essen von der Konsistenz her und/oder das Trinken von Flüssigkeiten in Form der Viskosität hin verändern und auf die jeweilige funktionale Schluckstörung hin abwandeln, dann verändern wir nicht den Geschmack, sondern vielmehr verändern wir das bis dato dominierende subjektive Gefühl für diese Speisen und Getränke.

Am Bespiel kennen wir Kartoffeln in der Form von Vollkost, wie auch Breikost (Kartoffelmus). Unser Gehirn kann zwischen diesen zwei Modulen problemlos wechseln und es leidet nicht der Geschmack. Hingegen würde sich bei Spaghetti in der Vollkost Version schon ein Unterschied abzeichnen, wenn wir diese Spaghetti dann passieren würden, also Breikost (Spaghettimus).

Unser Gehirn vergleicht die hierzu abgesicherten Geschmacksmuster minutiös ab und eine Abweichung in zu großem Maße wird dann zusätzlich im Limbischen System abgewählt und erstmal negativ besetzt. Das Resultat ist dann ein subjektives Gefühl, was wiederum nicht als solches Ausdruck findet, sondern direkt auf die sensomotorische und neokognitive Handlungskompetenz hin projiziert wird - mit dem finalen Ergebnis, dass der angedickte Kaffee nicht schmecken würde.

Für die Schlucktherapie und die Pflege von Patienten mit Schluckstörungen ist diese Erkenntnis sehr bedeutsam, denn für eine proaktive Prävention ist eine aktuelle und nachhaltige orale Kostformadaption durchaus wegweisend für den Rehabilitationsprozess.

Im Fazit sollten orale Kostformadaptionen im Vorfeld immer transparent besprochen und evaluiert werden. Somit stellen Essen und Trinken wertvolle und regulierende Stellmechanismen für eine sichere orale Nahrungsaufnahme von Patienten Schluckstörungen dar.

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