Dysphagie, hinter den Kulissen 

"Es ist zwar nur ein kleiner Schluck, aber er hat eine sehr große Bedeutung für die Lebensqualität“.


Um auf viele Fragen rund um das Thema Dysphagie eine adäquate und zielführende Antwort zu bekommen, muss man sich als erstes mit der Normalität, also der Physiologie und Anatomie, auseinandersetzen. 
Nur so erringt man einen oberflächlichen Eindruck auf Zusammenhänge, Strategien und Kompensationen vom Schluckapparat und seine Rolle als Primärfunktion des Lebens. 

Die Fähigkeit zu Schlucken bündelt sich in ein riesiges Sammelsurium, bestehend aus Wahrnehmung, Verarbeitung, Bewegung, Muskeltonus, Gedächtnis, Gefühl, Instinkt, Vorliebe, Tradition, Kultur und uvm.

Das Schlucksystem ist in der vollendsen Ausreifung eine Regulation von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Reflexen im Bereich der oralen Nahrungsaufnahme, Verdauung, Schlucken und Atmung.

Entwicklung des Schlucksystems - von initialer Motorik, über ein neuronales Bewegungsmuster bis hin zu einem Dualsystem aus Engramm und Reflex


Anfänge des Schlucksystems - Pädyphagie


Ein neurophysiologisches System lernt durch ein Feuerwerk an Neuroplastizität, also dem dynamischen Ausreifen und vernetzen neuronaler Synapsen zu einem in sich organisierten und wechselseitig agierenden Netzwerk, sich weiterzuentwickeln. 
So gelingt der Schritt von den ersten noch diffusen Schluckinitiierungen unter der Schwangerschaft, zu den ersten komplexer werdenden Schluckbewegungen. 

Die Entwicklungsphase im 1.Lebensjahr stellt wohl die ereignisreichste Form dar. Denn die Variation an äußerlichen und innerlichen Faktoren ergeben summa summarum das, was wir heutzutage als die erste Einheit eines Schluckmusters mit früh(hirn)kindlicher Reflexbezogenheit kennen. 

Im weiteren Entwicklungsabschnitt kommt es immer wieder zu einer wandelbaren Phase des kindlichen Schluckens (Pädyphagie). 
Aus diesem Grunde muss sich eine Befundaufnahme und spezifische Therapieableitung auch immer engmaschig am Entwicklungsprotokoll individuell orientieren. 


Metamorphose der Pädyphagie 


Während der Pubertät tritt zunehmend das körperliche Längen- und Volumenwachstum des Körpers ein, damit einhergehend bedingen sich auch neue sensorische, motorische und reflektorische Gegebenheiten für das Schlucksystem. Von der Atem - Schluck - Kopplung bis hin zur sensomotorischen Passage von Essen und Trinken durch die Mund - Rachen - Speiseröhrenphase hindurch.
So entsteht allmählich das junge adulte Schlucksystem und etabliert sich dann über eine lange Lebensspanne hin fortwährend weiter.

Adulte Schlucksystem im Wandel zur Presbyphagie 


Im späteren Abschnitt des Lebens, tritt dann das sogenannte Altersschlucken (Presbyphagie) ein. In der Folge von Zahnverlust, Zahnprothesen und  neuromuskulären Abbauprozessen uvm. zeigt sich eine ganz individuelle Bewältigungsstrategie im Umgang mit der oralen Nahrungsaufnahme und der Schluckfähigkeit. 

Auf all diese Veränderungen reagiert unser Gehirn mit einer brillanten Strategie - es ist die Fähigkeit zur Anpassung (Adaption) und zum ressourcenorientierten Ausgleich (Kompensation). 

In der Conclusio bedeutet es, dass es eine große Variation von Normalität in den einzelnen Entwicklungsphasen gibt und die Herausforderung für den klinisch - schlucktherapeutischen Bedarf nun darin besteht, die neurophysiologischen und pathophysiologischen Puzzleteilchen gehaltvoll von einander zu unterscheiden, um eine wertvolle Einschätzung hinsichtlich Befund und Therapie von Dysphagien diagnostizieren zu können. 

Definition des Schlucksystems

Eine allumfassende Beschreibung als Definition kann lauten, das Schlucksystem dient der Fähigkeit der extrasensorischen Selektion von Nahrung und/oder der sicheren oralen sensomotorischen Nahrungsaufnahme und/oder der anschließenden effektiv - semireflektorischen Schluckfähigkeit und/oder der Atemschutzfunktion.  

Eine Ausnahme gilt hier noch in der neuronalen Ausreifung des frühen kindlichen Schluckens (Pädyphagie), hier ist die orale Nahrungsaufnahme noch dominiert von der semireflektorischen Entwicklungsbahnung. 

Definition des gestörten Schlucksystems (Dysphagie)

Eine Dysphagie bezeichnet nun den Umstand einer Störung hinsichtlich der Fähigkeit der extrasensorischen Selektion von Nahrung und/oder der sicheren oralen sensomotorischen Nahrungsaufnahme und/oder der anschließenden effektiv - semireflektorischen Schluckfähigkeit und/oder der Atemschutzfunktion.


Dabei können einzelne wie auch mehrere Phasen in unterschiedlicher Gewichtung betroffen sein. 
Die schwerste Form wird als Aphagie verstanden. 

Differenzierte Betrachtung steht für einen Zugewinn an Therapieverständnis

Je mehr du dich über ein Thema vertiefend informiert hast, desto größer ist auch dein Wissen darüber, wenn etwas von dieser Norm abweicht. Dein Horizont bestimmt also gewissermaßen deine Erkenntnisse, ergo leitet sich hiervon auch deine Entscheidungsfindung ab.

Dein Verständnis prägt deine Kompetenz, so erschaffst du dir einen eigenen Kompass und navigierst auf der Grundlage von Wissen und nicht auf Interpretationen. 


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